Ein Führer muss her
Fortwährend ruft das deutsche Volk nach einem Führer, der es aus seiner unerträglichen Lage befreit. Kommt nun ein Mann, der bewiesen hat, daß er keine Hemmungen hat, und der gesonnen ist, den Geist in Frontgenerationen in friedlicher Befreiungsarbeit einzusetzen und zu verwirklichen, so muß diesem Mann auch unbedingt Folge geleistet werden[1]
~ Carl Duisberg [Deutscher Chemiker, 1861-1935], 1931.
Zu Beginn der dreißiger Jahre wurde die NSDAP [Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei] zur stärksten politischen Kraft, so dass auch in industriellen Kreisen eine mögliche Regierungsbeteiligung Adolf Hitlers [1889-1945] immer mehr in Betracht gezogen wurde.
Die bürgerlichen Parteien, mit Ausnahme der Zentrums-Partei, wurden - trotz der Finanzierung durch die Wirtschaft - politisch immer bedeutungsloser, und nur noch SPD [Sozialdemokratische Partei Deutschlands] und KPD [Kommunistische Partei Deutschlands] waren von besonderer Relevanz.
Als 1931 Hitlers Angriffe gegen Konzerne mit hoher jüdischer Beteiligung wuchsen, wurde die I.G. Farben zu einem bevorzugten Ziel der Nazis [kurz für: Nationalsozialisten]. Die Firmenleitung reagierte bestürzt auf alle Angriffe dieser Art und versuchte über Heinrich Gattineau [1905-1985], den Pressereferenten Carl Dusibergs[1], der [ab Ende 1933] ³§´¡-³§³Ù²¹²Ô»å²¹°ù³Ù±ð²Ô´Úü³ó°ù±ð°ù[2] war und über ausgezeichnete Verbindungen zu den Nazis verfügte, eine Einstellung der Angriffe zu erreichen. Gattineau hatte Erfolg und wurde von Carl Bosch [1874-1940] in das für Nazikontakte strategisch günstiger gelegene Pressezentrum der I.G. in Berlin geschickt.
Die Zeit [ist] gekommen, Verbindung mit Hitler aufzunehmen und dessen Engagement für das Ölsyntheseprojekt [...] zu erkunden - man wollte wissen, wie man dran ist, sollte Hitler Kanzler werden.
~ Carl Bosch [Deutscher Chemiker]
Bei den I.G. Farben war man sich darüber bewußt, dass nur eine grundlegende Änderung im politischen Bereich die, "rebellierenden radikalen Massen"[3][TAMMEN1978] wieder unter Kontrolle bringen konnte. Angetrieben durch ihre latent antikommunistische und arbeiterfeindliche - im Sinne einer organisierten Arbeiterschaft - Haltung, sahen sie in dieser ´Ü³Ü°ùü³¦°ìgewinnung der Kontrolle nicht zuletzt die Chance zum wirtschaftlichen Aufstieg.[4][SCHNECKENBURGER1988]
Im Februar 1933, drei Wochen nach der Machtübergabe an die Nazis [durch die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933] und unmittelbar vor der Reichstagswahl [am 5. März 1933] spendet die I.G. dem neuen "Führer" erstmals 400.000 RM [Reichsmark], "damit es die letzte Wahl werde."°Ú5±Õ°Ú°Ã–±á³¢·¡¸é1990±Õ
Im Oktober 1933 begrüßte Hitler den späteren I.G. Farben-Vorstandsvorsitzenden Hermann Schmitz [1881-1960] bei der Grundsteinlegung des Hauses der deutschen Kunst in München.
Anmerkungen
[1] Dieses Zitat wurde laut Begleitheft nach [TAMMEN1978] S. 392 sowie nach [SCHNECKENBURGER1988] S. 52 zitiert. Es stammt ursprünglisch aus dem Text: "zur 100-Jahr-Feier der Industrie- und Handelskammer Düsseldorf am 23. Juni 1931 in Benrath", dieser erschien in: Duisberg, C.: Abhandlungen, Vorträge und Reden aus den Jahren 1922-1933; Berlin, 1933.
[1] Heinrich Gattineau war ab Januar 1928 persönlicher Referent von Carl Duisberg bei der I.G. Farben. Ab 1931 stand er dem handelspolitischen Referat sowie der firmeneigenen Pressestelle vor. Gattineau war also, im Gegensatz zu dem Bericht des Posters, nicht der persönliche Pressereferent Duisbergs, sondern sein allgemeiner Referent, jedoch Pressereferent der I.G. Siehe dazu: Mattke, Christian: Albert Oeckl - sein Leben und Wirken für die deutsche Öffentlichkeitsarbeit (Organisationskommunikation); VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden, 2006, ISBN: 978-3-531-14989-9.
[2] SA = Sturmabteilung, paramilitärische Kampforganisation der NSDAP; Standartenführer = äquivalent zum heutigen Oberst.
[3] Hier wird durch die Anführungsstrichchen suggeriert, dass es sich um ein direktes Zitat von Akteuren der IG Farben handelt. In beiden Ausgaben des Begleitheftes wird allerdings auf kein direktes zeitgenössisches Zitat verwiesen. Es wird jedoch (in der 1. Ausgabe des Begleitheftes per "vgl.") auf die Dissertation von Helmuth Tammen von 1978 S. 287f verwiesen, siehe unten [TAMMEN1978].
[4] Hier wird indirekt (in der 1. Auflage des Begleithefts per "vgl.") das Buch von Arthur Schneckenburger von 1988 zitiert, siehe unten [Schneckenburger1988].
[5] Hier wird der Anschein erweckt, dass ein Zitat direkt von Akteuren der IG vorliegt. Es handelt sich aber um ein Zitat des Autors Otto Köhler, siehe unten [Köhler1986].
Verwendete Literatur
Die Literaturverweise sind dem Begleitheft/Reader entnommen, auf dem die Texte der Plakate beruhen.
[KÖHLER1986] Köhler, Otto: ... und heute die ganze Welt. Die Geschichte der I.G. Farben und ihrer Väter; Rasch und Röhrig Verlag, Hamburg, Zürich, 1986, ISBN 3-89438-010-1, S. 221.
[SCHNECKENBURGER1988] Schneckenburger, Arthur: Die Geschichte des I.G. Farben-Konzerns; Bedeutung und Rolle eines Großunternehmens. Köln : Pahl-Rugenstein, 1988 – ISBN 3-7609-5242-9, S. 53.
[TAMMEN1978] Tammen, Helmuth: Die I.G. Farbenindustrie Aktiengesellschaft (1925-1933); ein Chemiekonzern in der Weimarer Republik; Berlin, Eigenverlag Helmuth Tammen, 1978.